Binance-Hacker umgeht Stablecoin-Sperren durch DeFi-Protokolle
Binance-Hacker hebelt Einfrieren von Geldern aus – DeFi-Protokolle dienen als Schlupfloch für Nordkorea
Das Wichtigste in Kürze
- Der nordkoreanische Akteur TraderTraitor nutzte Aave und UniswapX, um gestohlene Stablecoins vor dem Einfrieren durch Tether und Circle zu retten.
- Der Angreifer hinterlegte 60 Millionen USDT bei Aave und lieh sich im Gegenzug 19.760 WETH aus.
- Über dezentrale Börsen tauschte der Hacker 325 Millionen USDT und zahlte dabei einen Aufschlag von zehn Prozent für eine schnellere Abwicklung.
- Aave-Gründer Stani Kulechov weist Berichte über Forderungsausfälle zurück, da die Kredite mit stabilen Werten überbesichert seien.
Nordkoreanischer Akteur sichert Milliardenbetrag auf der Ethereum-Blockchain
Der Angriff auf Binance führte zu massiven Abflüssen auf der Ethereum-Blockchain. Der Täter, der inzwischen als die nordkoreanische Hackergruppe TraderTraitor identifiziert wurde, erbeutete bei einem initialen Angriff Vermögenswerte im Wert von 3,79 Milliarden US-Dollar. Zu dieser Summe gehörten unter anderem 200.630 ETH sowie verschiedene Stablecoins.
Dem Angreifer war offensichtlich bewusst, dass die Emittenten der betroffenen Stablecoins schnell reagieren würden. Unternehmen wie Tether und Circle haben die Möglichkeit, ihre Token auf bestimmten Adressen zentral einzufrieren und so unbrauchbar zu machen. Der Täter plante Gegenmaßnahmen und nutzte gezielt dezentrale Finanzprotokolle, um diesem Schritt der Token-Herausgeber zuvorzukommen.
Aave dient als schnelle Liquiditätsquelle für den Angreifer
Der Täter transferierte am 29. Oktober zwischen 20:58 und 21:01 Uhr koordinierter Weltzeit (UTC) 60 Millionen USDT auf die Plattform Aave. Diese Summe diente in dem dezentralen Protokoll als Sicherheit, um sich im Gegenzug 19.760 WETH im Gegenwert von 45,13 Millionen US-Dollar zu leihen. Dieser Ausleihvorgang nahm auf der Plattform lediglich fünf Minuten in Anspruch und nutzte die Struktur der automatisierten Kreditvergabe ohne manuelle Eingriffsmöglichkeiten aus.
Der Hacker wandelte die geliehenen Token anschließend in native Ethereum-Token um. Zentrale Stablecoin-Emittenten können diese nativen Token nicht mehr einfrieren oder in Transaktionen blockieren.
Hohe Gebühren beschleunigen Tausch über dezentrale Börsen
Der Angreifer nutzte für weitere Tauschvorgänge die dezentralen Börsen UniswapX und 1inch. Er tauschte über diese Plattformen zwischen 21:09 und 21:34 Uhr UTC weitere 325 Millionen USDT um. Dieser Prozess dauerte etwa 35 Minuten und erforderte eine hohe Transaktionsgeschwindigkeit auf der Blockchain.
Der Täter akzeptierte einen Abzug von zehn Prozent auf die gesamte Tauschsumme, um die Transaktionen vor dem erwarteten Einschreiten der Token-Herausgeber zwingend abzuschließen. Diese beträchtliche Gebühr diente der unmittelbaren und beschleunigten Verarbeitung der Aufträge. Tether und Circle begannen erst gegen 21:18 Uhr UTC mit dem Einfrieren der betroffenen Stablecoins und stoppten damit alle weiteren Konvertierungsversuche.
Der Hacker hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 142.062 ETH nativ gesichert. Die Summe der unregulierten und liquiden Mittel beläuft sich nach dieser Transaktionskette auf insgesamt 420.000 ETH, wenn man die ursprünglich aus den Binance-Wallets gestohlenen 200.000 ETH sowie weitere getauschte Werte hinzurechnet.
Aave-Gründer widerspricht Berichten über drohende Forderungsausfälle
Analysten bezeichnen das Vorgehen des Hackers als einen der strategisch intelligentesten Spielzüge in der bisherigen Krypto-Geschichte. Tether besitzt zwar die technische Möglichkeit, die in den Wallets liegenden USDT einzufrieren, hat aber keinen Zugriff auf die bereits ausgeliehenen ETH-Token. Die Taktik führt dazu, dass das Protokoll Aave nun auf den eingefrorenen USDT-Sicherheiten sitzt, während der Angreifer weiterhin über die liquiden Ethereum-Token verfügt. Ein vergleichbarer Vorfall bei KelpDAO hinterließ nach der Ausnutzung einer ähnlichen Lücke bei DeFi-Krediten einen echten Forderungsausfall von über 120 Millionen US-Dollar.
Aave-Gründer Stani Kulechov wies Vergleiche und Forderungsausfälle bei seiner Plattform jedoch entschieden zurück. Er erklärte, dass bei Aave kein Forderungsausfall vorliege, da die betroffenen Positionen mit stabilen Sicherheiten stark überbesichert seien. Die Situation bei der Plattform KelpDAO sei technisch vollkommen anders gelagert gewesen.
Ungeklärte Rückzahlungen und Warnungen vor Wallet-Fehlern
Die Rückzahlung der nun eingefrorenen 60 Millionen US-Dollar bleibt vorerst ungeklärt. Als Geschädigte kommen für diese Summe sowohl die primär betroffene Börse Binance als auch das Protokoll Aave als sekundäres Opfer in Betracht. Branchenbeobachter äußern zugleich Unverständnis darüber, wie derartig hohe Summen ohne menschliche Überprüfung aus den Hot Wallets von Binance abgezogen werden konnten.
Zentralisierte Börsen wie Binance nutzen in der Regel strikte Abhebungslimits, während dezentrale Plattformen bewusst ohne menschliche Intervention konzipiert sind. Das Analyseunternehmen Chainalysis rät Plattformen mit bestimmten Ethereum-Wallets zu besonderer Wachsamkeit. Ein spezifischer Software-Fehler lag der Ausnutzung zugrunde, der nun durch rechtzeitige Updates behoben werden muss.
Unsere Einschätzung
Der Vorfall demonstriert die Geschwindigkeit, mit der böswillige Akteure automatisierte DeFi-Protokolle nutzen, um Kontrollmechanismen zentraler Stablecoin-Emittenten zu umgehen. Die erfolgreiche Sicherung von 420.000 unregulierten Ethereum-Token verdeutlicht die technischen Hürden bei der Rückverfolgung und dem Stoppen entwendeter Gelder in dezentralen Netzwerken. Der fehlende manuelle Eingriff bei großen Abflüssen aus zentralisierten Börsen wirft Fragen zur Wirksamkeit aktueller Überwachungssysteme auf. Die Klärung der Besitzverhältnisse bei den eingefrorenen Sicherheiten auf Aave schafft einen möglichen Präzedenzfall für die Konfliktlösung zwischen zentralen Krypto-Dienstleistern und dezentralen Protokollen.
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